Radar · 2026-W30 · 24.07.2026
Die Schicht, für die niemand zahlen will
Was Wert hat, aber keinen Preis trägt, zahlt jemand anderes oder niemand.
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Beratung gilt als größte Stärke des Handels, bezahlen will sie kaum jemand
72 Prozent erwarten Beratung im Geschäft weiterhin gratis, 24 Prozent wären grundsätzlich bereit zu zahlen, 68 Prozent würden bei einer Beratungsgebühr eher online kaufen (IHaM der JKU Linz, repräsentative Online-Befragung, 1.067 Konsument:innen, Mai 2026). Institutsvorstand Christoph Teller: der wahrgenommene Preis guter Beratung liegt seit Jahrzehnten bei null, eine Gebühr wirkt deshalb als Verlust, nicht als Gegenleistung. Für den Fachhandel heißt das, dass sich die eigene Beratungsstärke nicht direkt monetarisieren lässt, sondern nur über den Warenkorb oder über Dritte.
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Besserer Kundenservice durch „Voicebots“?
Drei Bio-Unternehmen, drei Antworten auf dieselbe Frage. Rapunzel zeigt die Gesichter des Kundenservice auf der Website und behandelt persönliche Beratung als Alleinstellungsmerkmal, das nicht zur Disposition steht. Alnatura verfolgt KI-generierte Kommunikation für telefonische Anfragen derzeit ausdrücklich nicht. Dennree dagegen, hinter Deutschlands größter Bio-Supermarktkette, prüft die Einführung eines Chatbots und nutzt bereits eine hausinterne Copilot-Instanz, die Mitarbeitende beim Formulieren persönlicher Antworten unterstützt. Die Schlagzeile lautet, dass niemand Voicebots einsetzt. Die Meldung darunter lautet, dass der Größte die Automatisierung längst hat, nur eine Schicht hinter dem Menschen, wo der Kunde sie nicht sieht.
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93 Prozent der heimischen Hotels sind für KI kaum sichtbar
515 Vier- und Fünf-Sterne-Häuser im DACH-Raum, davon 172 österreichische. Gemessen wurde nicht Bekanntheit, sondern Empfehlung ohne Markennennung: Österreich kommt auf 9,6 von 100 Punkten, 93 Prozent aller Häuser bleiben unter 20, Ketten werden rund dreimal häufiger empfohlen als Einzelhäuser (36,2 zu 11,2). Die Werte sind modellbasiert und in der Studie ausdrücklich als richtungsweisend ausgewiesen, nicht als exakte Messung. Wer im Fachhandel einzeln steht, hat dasselbe Strukturproblem und denselben noch unbesetzten Empfehlungsraum.
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Aldi greift Lidl und Kaufland an: Streit um Supermarkt-Apps
Aldi Nord und Aldi Süd fahren seit 20. Juli eine gemeinsame Kampagne gegen App-Rabatte, Kernsatz „Günstig ohne App“. Aldi nennt keinen Wettbewerber, greift aber genau das Modell an, das Lidl und Kaufland fahren: wer keine App nutzen kann oder möchte, soll keinen direkten finanziellen Nachteil haben. Der Verbraucherzentrale Bundesverband stützt die Linie, Ramona Pop sagt, Rabatte müssten für alle gelten und nicht nur für App-Nutzer. Lidl und Kaufland halten mit Ersparnissen dagegen, Kaufland nennt bis zu 250 Euro im Jahr für Familien. Aus dem in W29 gemeldeten Abbruch des Loyalty-Tests ist damit eine Position geworden. Die Lehre für kleinere Händler ist nicht, dass Loyalty-Apps schlecht sind. Sie ist, dass ein Rabatt, der an eine Bedingung hängt, aus einem Preis zwei Preise macht, und dass man diese Teilung erklären können muss.
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Naturkosthandel: Bio Company und Terra Naturkost bündeln ihre Kräfte
Bio Company und Terra Naturkost führen ihre Geschäfte unter der neu gegründeten Bioverbund SE zusammen, die Bio-Company-Tochter Midgard Naturkost verschmilzt auf Terra. Beide bleiben nach eigenen Angaben operativ eigenständig unter ihren Marken, es verbinden sich die nach eigener Zählung drittgrößte Bio-Supermarktkette und der drittgrößte Bio-Großhändler Deutschlands. Erklärtes Ziel ist gebündeltes Einkaufsvolumen, das Preise auf dem Niveau von Drogerien, Handelsketten und Discountern ermöglicht, ausdrücklich als Gegengewicht zu LEH, Discount und Drogerie. Groß- und Einzelhandel integrieren auf derselben Stufe, auf der der einzelne Laden längst nicht mehr verhandeln kann.
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Instacart acquires Arpalus for AI inventory tracking
Instacart kauft mit dem israelischen Arpalus die Regalerkennung zu, statt sie zu entwickeln: Bestandsaufnahme per Smartphone-Kamera, nach Anbieterangaben über 95 Prozent Genauigkeit unter echten Ladenbedingungen, also gedrängte Ware, ungleiches Licht, unzuverlässiges Netz. Der Preis ist nicht offengelegt, Calcalist schätzt einen zweistelligen Millionenbetrag. Eingesetzt werden soll die Technik in der Kommissionierung und an den kameragestützten Caper-Einkaufswagen. Zusammen mit dem Tesco-Inventurroboter aus W29 verdichtet sich das Bild: Regalgenauigkeit wird zur eingekauften Standardfähigkeit, nicht zum Differenzierungsprojekt.
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Delivery Hero: Wie foodora mit KI sein Geschäft ausbaut
Zwei Wochen nach der in W29 gemeldeten Übernahme durch Uber baut foodora sein Geschäft KI-gestützt aus. Für angebundene Händler ist relevant, dass die Fähigkeit auf der Plattformseite wächst, nicht auf ihrer eigenen: wer über den Lieferdienst verkauft, sieht weiterhin nur, was die Plattform zurückspielt.
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Per-Task-Modell: Penny plant in Rumänien Personal mit App von Traxlo
Penny plant Personaleinsatz in Rumänien aufgabenweise über eine App. Arbeitskapazität wird zugebucht statt eingeplant, dieselbe Bewegung wie beim zugekauften Werkzeug, nur auf der Personalseite. Rumänien ist Testfeld, nicht Zielmarkt: interessant wird es, wenn das Modell in Märkten mit höherem Lohnniveau auftaucht.
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Reformpläne: Finanzministerium will Bonpflicht digitalisieren statt abschaffen
Der Gesetzentwurf des Bundesfinanzministeriums schafft die Bonpflicht nicht ab, sondern digitalisiert sie: ab 2028 Beleg per QR-Code am Kassendisplay, scannbar ohne App des Geschäfts, der Anspruch auf Papier bleibt bestehen. Wichtiger für den Handel ist die zweite Regelung im selben Entwurf, nämlich die Pflicht zu elektronischen Kassensystemen ab 2028 für Unternehmen mit mehr als 100.000 Euro Jahresumsatz. Das Ministerium zählt derzeit über hunderttausend offene Ladenkassen. Damit bekommt ein großer Teil der Hofläden, Marktstände und kleinen Naturkostläden bis 2028 strukturierte Kassendaten, ob sie sie auswerten wollen oder nicht.
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Qualitätskontrolle per Röntgen: Bäckerei Emil Reimann spürt Fremdkörper mit KI auf
Emil Reimann kombiniert Röntgenprüfung mit KI-Auswertung zur Fremdkörpererkennung. Das ist die unspektakuläre Variante von KI im Lebensmittelbetrieb: eine bestehende Prüfpflicht wird billiger und verlässlicher erfüllt, kein neues Geschäftsmodell. Für mittelständische Verarbeiter der realistischere Einstieg als jedes Agenten-Projekt.
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Zahlungsverkehr: Lidl akzeptiert Wero als erster Lebensmittelhändler im Onlineshop
Lidl nimmt Wero als erster Lebensmittelhändler in den Onlineshop, parallel startet Decathlon. Eine europäische Zahlungsschiene wird von den Großen besetzt, bevor sie im Fachhandel überhaupt zur Frage wird. Kein Handlungsbedarf diese Woche, aber der Zeitpunkt, ab dem der eigene Shop-Anbieter danach gefragt werden sollte.
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Drei Fäden, ein Satz
Die JKU misst es an der Beratung, Rapunzel verteidigt sie am Telefon, maxonline misst, wer ohne sie überhaupt noch empfohlen wird: was Wert hat, aber keinen Preis trägt, zahlt jemand anderes oder niemand. Die Bioverbund SE beantwortet die Frage strukturell, indem gebündeltes Einkaufsvolumen finanziert, was der einzelne Laden nicht mehr verhandelt. Das Finanzministerium beantwortet sie per Gesetz und mit Datum. Dazwischen liegen vier operative Wetten dieser Woche, die alle dasselbe tun: eine Fähigkeit zukaufen, statt sie aufzubauen.