Radar · 2026-W32 · 08.08.2026
Der Agent geht einkaufen, die Stammdaten sind nicht bereit
Gefunden wird, wessen Daten zusammenliegen.
Faden 01 Der Agent wird Kunde 3 Signale
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Die Sperre gegen Perplexitys Agenten fällt vorerst
Perplexitys Comet-Agenten können nach Aufhebung der einstweiligen Verfügung wieder bei Amazon in den Shop und einkaufen. Der tragende Satz betrifft die Zurechnung: wenn eine Person ihren Agenten beauftragt, auf Amazon.com zu handeln, dann ist es die Person, die auf Amazons Rechner zugreift — nicht Perplexity. Das Gericht hebt nur die Verfügung auf und verweist zurück, ein Sachurteil ist das nicht, und es lässt offen, ob bei anderer Faktenlage anders zu entscheiden wäre. Amazons Möglichkeit, den Zugang über private Nutzungsbedingungen zu regeln, bleibt laut Fußnote 5 ausdrücklich unberührt. Für alle, die einen Shop betreiben, verschiebt sich trotzdem die Frage: der Weg über das US-Computerzugriffsrecht (CFAA) gegen den Agenten ist auf dieser Faktenlage unwahrscheinlich, übrig bleibt der vertragliche. Der Agent ist dann kein Angreifer, den man abwehrt, sondern ein Kunde, den man bedient — oder per Regel ausschließt.
Quelle ↗ - 02 / 1027 % haben ihre Kundendaten zusammengeführt
Agentische Suche als erster Schritt wächst um 200 Prozent
Salesforce hat für die vierte Ausgabe des State of Commerce Report 3.450 Commerce-Verantwortliche und 4.690 Konsumierende befragt und Verhaltensdaten von mehr als 1,5 Milliarden Shoppern ausgewertet; es ist eine Herstellerstudie, der Anbieter verkauft die passende Software. Die Nutzung agentischer Suche als erster Schritt der Shopping-Reise stieg im Jahresvergleich um 200 Prozent; zwischen August 2025 und Mai 2026 fiel der Anteil der Shopper, die Produkte über klassische Suche finden, um 15 Prozent. 86 Prozent der Führungskräfte erwarten Sprachmodelle binnen zwölf Monaten als unverzichtbar für die Produktfindung. 28 Prozent setzen agentische KI bereits ein, 44 Prozent planen es für die nächsten sechs Monate. Die interessanteste Zahl: nur 27 Prozent haben ihre Kundendaten über Vertrieb, Marketing, Service und Commerce hinweg zusammengeführt. Wer Produktdaten, Preise, Verfügbarkeiten und Kundensignale vernetzt, schafft erst die Voraussetzung, in den Empfehlungen von KI-Assistenten überhaupt stattzufinden. Der Kanal, um den sich gerade alle sorgen, wird von der Stammdatenqualität entschieden, die seit Jahren niemand priorisiert.
Quelle ↗ - 03 / 10860 % über Budget, fünf Monate unbemerkt
Amazon verbrennt 1,8 Millionen Dollar an einer banalen Aufgabe
Interne Berichte weisen bei Amazon rund 2,5 Millionen Dollar ungeplanter KI-Kosten aus. Der schwerste Einzelfall: ein Abgleich von Autorendaten mit Shop-Angeboten überschritt sein Budget um 860 Prozent und kostete 1,8 Millionen Dollar — fünf Monate lang fiel das niemandem auf. Zwei weitere Projekte liefen um 541.000 und 134.000 Dollar aus dem Ruder. Als Ursache wird die tokenbasierte Abrechnung genannt, also genau das Preismodell, das den Einstieg so niederschwellig macht. Das ist das nötige Gegengewicht zu den beiden Karten davor, und es kommt von Amazon selbst. Nicht das Modell hat versagt, sondern die Kostenstelle: nutzungsbasierte Abrechnung ohne Budgetalarm ist eine offene Leitung, und eine offene Leitung meldet sich nicht. Wer KI in einen Prozess legt, braucht die Messung vor dem Piloten — sonst steht das Ergebnis erst im Quartalsabschluss. Für ein mittelständisches Budget wären 860 Prozent nicht eine Auffälligkeit im Bericht, sondern das Projekt.
Quelle ↗
Faden 02 Was im Regal steht, entscheidet jemand anderes 5 Signale
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Die Dose ändert sich, der Datensatz vielleicht nicht
Coca-Cola führt ein globales Identitätssystem ein, in mehr als 200 Märkten. Zero Sugar bekommt dabei eigene Erkennungsmerkmale: größere Schrift, ein schwarzes Band auf der Dose, einen schwarzen Deckel auf PET. Dass Original und Zero künftig dasselbe Rot teilen, steht nicht in der globalen Mitteilung, sondern erst auf der Schweizer Coca-Cola-Seite vom 24. Juli. Ein Designentscheid in der Konzernzentrale, bezahlt an der Regalkante, im Kommissionierlager und in der Reklamation. Die Stammdatenseite ist unsere Lesart, belegt ist sie nicht: die EAN dürfte bleiben, der Artikel auch, der Packshot nicht — es gäbe dann keinen Datensatz, der die Umstellung meldet. Wer Bilder, Webshop und Kommissionierhilfen nicht aktiv nachzieht, merkt den Wechsel erst an der Fehlerquote.
Quelle ↗ - 05 / 107 Wochen bis zum Stichtag
EmpCo-Richtlinie: sieben Wochen, keine Übergangsfrist
Ab dem 27. September gilt die Empowering-Consumers-Richtlinie — ohne Übergangsfrist für bereits produzierte Verpackungen. Pauschale Aussagen wie klimaneutral oder klimapositiv sind dann grundsätzlich unzulässig, wenn sie auf Kompensation beruhen, und Eigen-Siegel mit Eco, Green oder Sustainable im Namen ebenfalls, sofern kein staatliches oder nach ISO 17065 zertifiziertes System dahintersteht. Für Ware, die dann schon im Umlauf ist, bleibt laut KPMG Law nur der Aufkleber. Durchgesetzt wird das nicht von einer Behörde, sondern per Abmahnung durch Wettbewerber und Verbraucherverbände. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth warnt vor erheblichen praktischen Herausforderungen und verlangt von den Herstellern konforme Verpackungen deutlich vor dem Stichtag — einzelne Händler wollten sie schon im Juni. Sieben Wochen. Der Aufkleber wird dabei die ehrlichste Kennzahl sein, die die Branche dieses Jahr produziert: er markiert exakt jene Umweltaussagen, die nie durch ein System liefen, das sie hätte belegen können. Die operative Frage ist trivial und in den meisten Häusern trotzdem nicht in Minuten zu beantworten — welche Artikelnummern tragen eine Aussage, die am 27. September unzulässig wird? Wer darauf keine Abfrage hat, hat kein Compliance-Problem, sondern ein Stammdatenproblem, das sich nur gerade als eines tarnt.
Quelle ↗ - 06 / 102 % Zielerreichung im Comeback-Jahr
Punica sagt leise Servus
Columbus Drinks stellt den Vertrieb ein, in den Regalen liegen Restbestände. Die Marke war 1977 gestartet, 2022 von PepsiCo wegen schwacher Absätze eingestellt und im Frühjahr 2024 mit großer Kampagne zurückgeholt worden. Das Ziel des Comebacks lautete 50 Millionen Liter im Jahr, etwa ein Viertel der Spitzenmengen aus den Neunzigern. Verkauft wurde im Comeback-Jahr eine Million. Zwei Prozent Zielerreichung, und das bei maximaler medialer Aufmerksamkeit — die Nostalgie hat funktioniert, sie hat nur niemanden in den Gang geschickt. Wer einen Relaunch plant, findet hier die sauberste Gegenprobe der Woche: Markenbekanntheit ist kein Distributionsargument, und wiedererkannt zu werden ist etwas anderes als gelistet und gekauft zu werden. Ein zweites Mal wird diese Marke niemand zurückholen.
Quelle ↗ - 07 / 103 Verbandsvereinbarungen, keine davon exklusiv
Kaufland kooperiert mit Naturland
Ab 2027 tragen Artikel der Eigenmarken K-Bio Organic und K-Plant-based den Naturland-Standard — nach Bioland und Demeter der dritte Verband, mit dem Kaufland eine Vereinbarung schließt. Lena Munk aus der Geschäftsleitung Einkauf International Frische nennt die Linie, Bio müsse für alle zugänglich sein, und verweist auf über 550 Artikel unter K-Bio Organic. Naturland-Geschäftsführer Wilhelm Heilmann spricht von belastbaren Bio-Wertschöpfungsketten. Drei Verbandsvereinbarungen in Folge, keine davon exklusiv: Kaufland kauft nicht Bio ein, sondern Verbands-Glaubwürdigkeit für das eigene Eigenmarkenregal, und die Verbände verkaufen sie, weil Fläche ihre einzige verbliebene Wachstumsquelle ist. Nach der Bioverbund-SE-Karte aus W30 und Netto/Alnatura aus W31 ist das die dritte Woche derselben Bewegung. Für Bio-Markenartikler heißt das: der Regalplatz, den früher das Siegel gesichert hat, ist nicht mehr sicher — das Siegel steht jetzt nebenan auf der Eigenmarke.
Quelle ↗ - 08 / 10+20 % rund, Drogeriemärkte im zweiten Quartal
Bio wächst — aber nicht mehr am schnellsten im Discount
Der BÖLW meldet für das erste Halbjahr 4,9 Prozent Wachstum im Bio-Markt, im zweiten Quartal 3,8 Prozent auf 4,75 Milliarden Euro — während der Lebensmittelmarkt insgesamt nur auf Inflationsniveau zulegt. Interessanter als die Summe ist die Verteilung: Vollsortimenter wachsen im zweiten Quartal stärker als Discounter, Drogeriemärkte legen rund 20 Prozent zu, und der Bio-Fachhandel verzeichnet auf bestehender Fläche den ersten Rückgang seit der Pandemie. Die geläufige Erzählung, der Discount hole Bio in die Masse, stimmt weiter für den Marktanteil, für die Dynamik nicht mehr. Bio wächst dort am stärksten, wo der Einkauf ohnehin als Gesundheitsentscheidung stattfindet, nicht dort, wo er als Preisentscheidung stattfindet. Zusammen mit der Kaufland-Karte ergibt das eine klare Ansage an die Kanalplanung: wer Bio als Preisthema plant, plant im falschen Kanal — und wer es als Fachhandelsthema plant, plant im schrumpfenden.
Quelle ↗
Faden 03 Die Rechnung darunter 2 Signale
- 09 / 1012 Personen, 80 % der Bestellungen, laut Anbieter
MPreis: 1,7 Millionen Artikel, zwölf Leute
280 Filialen, 6.000 Beschäftigte, rund 1,7 Millionen Artikelnummern in der Dispositionssoftware, das Trockensortiment zu 100 Prozent automatisiert. Ein Team von zwölf Personen verantwortet 80 Prozent aller Filial- und Zentrallagerbestellungen und braucht dafür zwei bis drei Stunden am Tag. Dispo-Leiter Christian Klement, seit über 25 Jahren im Haus, nennt die Kennzahl, auf die es ankommt: das Zentrallager lief früher fast immer auf 100 Prozent Füllgrad, weil sicherheitshalber etwas mehr bestellt wurde — heute sind es rund 70, und die tatsächliche Verfügbarkeit ist trotzdem um zwei bis fünf Prozent je Warengruppe gestiegen. Diese Zahlen stehen im Referenzbericht des Softwareanbieters, und die Fachpresse hat sie von dort übernommen — wer sie liest, sollte das mitlesen. Dokumentiert ist immerhin der Ausgangspunkt: 2019 berichtete die Fachpresse von 220 Filialen, 90 Prozent des Trockensortiments automatisiert, und 45 Minuten weniger Bestellzeit pro Filiale und Tag. Der Vergleich zeigt, dass das kein Projekt war, sondern eine Strecke. Sieben Jahre später ist aus der eingesparten Zeit eine andere Arbeit geworden — das Team stimmt ab, statt zu bestellen. Als Nächstes kommen Bäckerei und Fleischerei dazu, mit Prognosen aus 15 Wetterstationen über 34 Tiroler Wetterzonen. Nach Kölle Zoo aus W31 dasselbe Muster von der anderen Seite: die Fähigkeit wandert in die Regel, die Menschen wandern eine Ebene nach oben.
Quelle ↗ - 10 / 109 Tage Unterschied zwischen groß und klein
Zahlungsziele steigen — die Großen holen sich die Luft
Creditreform hat vier Millionen Rechnungen aus dem ersten Halbjahr 2026 ausgewertet: das durchschnittliche Zahlungsziel liegt bei 32,21 Tagen, 0,75 Tage mehr als im Vorjahr und rund zwei Tage mehr als 2023. Aufgeschlüsselt nach Größe wird daraus eine andere Geschichte — Unternehmen ab 250 Beschäftigten bekommen 35,51 Tage und haben seit 2023 drei Tage dazugewonnen, Betriebe bis 50 Beschäftigte bekommen 26,37. Patrik-Ludwig Hantzsch von der Creditreform-Wirtschaftsforschung führt die längeren Fristen auf die konjunkturelle Lage und gestiegene Material- und Kraftstoffkosten zurück. Das ist die freundliche Lesart. Die andere: neun Tage Unterschied zwischen groß und klein sind keine Zahlungsmoral, sondern Verhandlungsmacht, ausgezahlt als zinsloser Betriebsmittelkredit — finanziert vom kleineren Lieferanten. Wer in den Handel liefert, sollte den eigenen Forderungsbestand neben diese 32,21 legen, bevor die nächste Konditionsrunde ansteht.
Quelle ↗
Drei Fäden, ein Satz
Ein US-Berufungsgericht rechnet den Zugriff des Einkaufsagenten der Person zu, die ihn beauftragt, Salesforce misst 200 Prozent mehr KI-Suche — und nur 27 Prozent der Händler haben ihre Kundendaten überhaupt zusammengeführt. Gleichzeitig ändert die Konzernzentrale das Aussehen von Coke Zero, Brüssel verbietet ab dem 27. September die halbe Nachhaltigkeitskommunikation, ein Distributor nimmt Punica endgültig aus dem Regal und Kaufland kauft sich den dritten Bio-Verband ins Eigenmarkensortiment: was im Regal steht und wie es aussieht, entscheidet zunehmend jemand anderes. Was im Haus bleibt, ist die Nachpflege — und die Rechnung. MPreis zeigt mit zwölf Dispo-Leuten und 1,7 Millionen Artikeln, wie die aussieht, wenn sie stimmt: ein Zentrallager, das statt auf 100 nur noch auf 70 Prozent Füllgrad läuft, bei zwei bis fünf Prozent mehr Verfügbarkeit. Creditreform zeigt an 32,21 Tagen, wer sie sonst bezahlt.
Korrigiert am 17.10.2026: Perplexity/Amazon (Entscheidung vom 04.08., AGB-Weg laut Fußnote 5 unberührt), Salesforce (+200 % betrifft agentische Suche als ersten Schritt, im Jahresvergleich; 1,5 Mrd. sind Shopper; Herstellerstudie) und Coca-Cola (Zero Sugar hat global eigene Merkmale; das gemeinsame Rot nur auf der Schweizer Seite; 20-Minuten-Anekdote entfernt) nach Primärquellen berichtigt; Titel und Überschrift der Perplexity-Karte angepasst.