Radar · 2026-W36 · 05.09.2026
Gemessen wird woanders, bezahlt wird im Betrieb
Wer misst, zahlt nicht.
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Erst um Erlaubnis fragen, dann handeln dürfen
Syspro, ein Anbieter von Unternehmenssoftware für Produktionsbetriebe, hat am 2. September ein Werkzeug namens Torque vorgestellt. Der Unterschied zu dem, was solche Systeme heute tun: Es soll nicht mehr nur erkennen und vorschlagen, sondern die Gegenmaßnahme selbst ausführen — bestellen, umplanen, freigeben. Interessant ist nicht das Versprechen, sondern wie die Erlaubnis dazu verteilt wird. Sie gilt nicht für das System als Ganzes, sondern für jeden Arbeitsschritt einzeln: Ein Vorgang darf allein laufen, der nächste muss vor jeder einzelnen Handlung nachfragen, und der Betrieb legt selbst fest, welcher wovon. Dazu wird mitgeschrieben, welche Regel gegriffen hat, welche Daten herangezogen wurden und welches Werkzeug im Einsatz war — nachlesbar, und die Daten dahinter korrigierbar. Das sind Angaben des Herstellers über das eigene Produkt, verfügbar seit August und nur für ausgewählte Kunden; nachprüfen lässt sich davon nichts. Die Bauart trägt trotzdem, weil sie die Frage beantwortet, an der solche Vorhaben im Mittelstand tatsächlich scheitern — und das ist nicht die Frage, ob die Technik gut genug ist. Es ist die Frage, wer es war, wenn die Maschine bestellt hat. Nach der Syspro-Karte aus W33 dieselbe Firma mit derselben Beobachtung: Der Engpass war nie das Können, sondern die Erlaubnis.
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65 gegen 29 Prozent, und die Sorge sinkt
EY hat für die Cybersecurity-Studie 2026 österreichische Unternehmen befragt, und zwei Zahlen daraus gehören nebeneinandergelegt. Erstens: Betriebe, die KI in der Sicherheitsarchitektur einsetzen, melden zu rund 65 Prozent Auffälligkeiten, jene ohne nur zu 29. Zweitens: Nur noch 38 Prozent der befragten Entscheidungsebene halten das Risiko einer Attacke für hoch, im Vorjahr waren es 47 — während die tatsächlich gemeldeten Vorfälle steigen. Die erste Zahl liest sich leicht als Wirksamkeitsnachweis. Sie ist aber zuerst ein Messartefakt: Wer bessere Sensorik hat, sieht mehr, nicht weil mehr passiert, sondern weil mehr sichtbar wird. Genau das macht die zweite Zahl gefährlich. Die vier Fünftel ohne KI in der Abwehr sehen weniger, und ihre Risikoeinschätzung sinkt — nicht obwohl sie blinder werden, sondern weil sie es werden. Das ist kein Sicherheitsbefund, das ist ein Messbefund, und er gilt weit über Cybersecurity hinaus: Eine sinkende Fehlerquote ist immer zuerst die Frage, ob weniger passiert oder weniger auffällt. Bemerkenswert ist auch die meistgenannte Hürde. Nicht Kosten mit 23 Prozent und nicht fehlendes Fachpersonal mit 17, sondern Datenschutz und Ethik mit 40 Prozent stehen dem Einsatz im Weg. Die teuerste Hürde ist diesmal keine Budgetfrage.
Quelle ↗ - 03 / 12
Nicht erkannt und trotzdem schwächer
Eine Untersuchung mit 3.000 US-Konsumentinnen und -Konsumenten kommt zu einem Ergebnis, das unbequem ist, weil es die übliche Verteidigung aushebelt: KI-erzeugte Werbung wirkt schlechter als von Menschen gemachte — auch dann, wenn die Befragten den Unterschied nicht benennen können. Die Kostensenkung ist real, die Wirkung sinkt trotzdem. Für jeden Betrieb, der gerade Kreativleistung automatisiert, heißt das vor allem eines: Der Blindtest ist die falsche Abnahme. Dass niemand den Unterschied benennen kann, ist die Frage, die man sich am leichtesten stellt, und die einzige, die sich billig beantworten lässt. Gemessen wird am Ende die Wirkung, nicht die Erkennbarkeit — und die Ersparnis steht auf derselben Rechnung wie der Verlust.
Quelle ↗ - 04 / 12
Die schlechte Nachricht nimmt man lieber von der Maschine
Die MIT Sloan Management Review trägt drei Forschungsbefunde zum Widerstand gegen KI im Kundenkontakt zusammen, und der mittlere ist der, den man sich aufschreiben sollte. Bei einem Angebot, das schlechter ausfällt als erhofft, nahmen 78,6 Prozent das Ergebnis an, wenn es von einer KI kam — aber nur 60,4 Prozent, wenn ein Mensch es überbrachte. Bei einem Angebot, das besser ausfiel als erwartet, dreht sich das um: 89 Prozent nahmen es vom Menschen an, 76 Prozent von der Maschine. Die Studie stammt aus dem Journal of Marketing von 2023; eine Metaanalyse über 163 Studien mit mehr als 82.000 Teilnehmenden ordnet daneben ein, wann Menschen die Maschine überhaupt vorziehen — bei Aufgaben, die als reine Rechenleistung gelten, etwa Absatzprognosen. Für die Praxis heißt das etwas Unbequemes. Die meisten Betriebe stellen die Automatisierung an den Anfang des Kundenkontakts, dorthin, wo verkauft wird. Die Zahlen sagen, sie gehört ans andere Ende: zur Absage, zur Reklamation, zur Nachricht, dass es teurer wird. Genau dort steht sie fast nirgends.
Quelle ↗ - 05 / 12
Eine Erhebung, zwei Schlagzeilen, 500 Befragte
71 Prozent haben in den vergangenen sechs Monaten keinen Online-Lebensmittelservice genutzt. 54 Prozent der Nichtnutzenden wollen Frischware sehen, anfassen und riechen; 67 Prozent halten Liefergebühren und Mindestbestellwerte für unnötige Zusatzkosten, und 47 Prozent nennen kostenlose Lieferung ohne Mindestbestellwert als das, was sie umstimmen würde. Vor dem Zitieren gehören zwei Dinge dazu. Die Stichprobe umfasst 500 Personen, Feldzeit Juli 2026. Und dieselbe Erhebung lief in dieser Woche in einem Blatt als ECC-Studie und im anderen als IFH-Umfrage — ECC Köln ist eine Tochtermarke des IFH Köln. Wer beide Meldungen gesehen hat, hat nicht zwei Belege gelesen, sondern einen zweimal.
Quelle ↗ - 06 / 12
Drei Prozent, hochgerechnet auf 325 Millionen
Yougov hat ausgewertet, was die Abnehmspritze den deutschen Lebensmittelhandel kostet, und die Zahl, die durch die Fachpresse läuft, lautet rund 325 Millionen Euro im Jahr. Der Weg dorthin ist der interessantere Teil. In Haushalten, in denen mindestens eine Person innerhalb des letzten Jahres eine Therapie begonnen hat, reduzierte sich die Einkaufsmenge im Schnitt um drei Prozent; hochgerechnet auf den Gesamtmarkt ergibt das die 325 Millionen. Verschoben wird dabei mehr, als verloren geht: Klassische Snack-, Süßwaren- und Getränkekategorien entwickeln sich rückläufig, gesundheitsorientierte wie Obst, Gemüse und proteinreiche Lebensmittel gewinnen. Wer nur die große Zahl mitnimmt, plant gegen ein Marktereignis. Wer die drei Prozent mitnimmt, plant gegen eine Sortimentsverschiebung in einer wachsenden Teilmenge — und das ist die Aufgabe, die tatsächlich auf dem Tisch liegt. Die Rewe-Eigenmarke PWR, diese Woche mit acht Protein-Artikeln gestartet, ist die Antwort auf die zweite Lesart, nicht auf die erste.
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65,6 Prozent — und die Studie kommt erst
Cima befragt für die Deutschlandstudie Innenstadt 2026/27 bundesweit 5.000 Personen. 65,6 Prozent besuchen die Innenstadt zum Einkaufen, und der stationäre Handel steht bei der Frage nach der Attraktivität eines Zentrums an erster Stelle. Mehr ist bislang nicht veröffentlicht — die vollständigen Ergebnisse kommen am 23. September. Die Meldung ist damit eine Vorabzahl und keine Studie, und sie wandert trotzdem bereits als Beleg durch die Branche. Wer sie jetzt in eine Standortentscheidung schreibt, zitiert eine Ankündigung. Das ist der billigste Fehler dieser Woche und der am leichtesten vermeidbare: drei Wochen warten.
Quelle ↗ - 08 / 12
Der Aufkleber sitzt auf der Aussage, die stimmt
Ritter Sport überklebt seit Monaten auf den eigenen Tafeln den Hinweis „100 % zertifiziert nachhaltiger Kakaobezug“. Ab Ende September verbietet die EmpCo-Richtlinie vage Umweltaussagen ohne belastbare Substantiierung auf der Verpackung. Ein Unternehmenssprecher sagt, der Packungsrelaunch mit der neuen Folie sei in vollem Gange, lasse sich aber nicht innerhalb von ein paar Monaten umsetzen; wie viele Packungen betroffen sind, kann das Unternehmen nicht beziffern. Zwei Dinge daran sind bemerkenswert. Erstens ist das Überkleben kein Ausweichmanöver, sondern der vorgesehene Weg für Ware, die bereits produziert ist — genau das war in W32 die offene Stelle, als eine Schlagzeile behauptete, Hersteller überklebten ihre Umweltaussagen, und keine frei lesbare Quelle einen einzigen Fall benennen konnte. Hier ist der Fall. Zweitens die Inversion: Überklebt wird eine Aussage, die konkret und prüfbar ist. Sie fällt nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil der Nachweis auf die Packung muss und ein Folienwechsel länger dauert als die Frist. Wer im Herbst noch Verpackungsmaterial im Zulauf hat, sollte die Vorlaufzeit seines Lieferanten kennen, bevor er die Rechtslage prüft.
Quelle ↗ - 09 / 12
Ein Kunde entscheidet, zwei Standorte tragen es
Der bayerische Wurst- und Fertiggerichtehersteller Wolf streicht rund 120 Stellen an den Standorten Schwandorf und Schmölln; Nürnberg bleibt unberührt. Als Grund nennt das Unternehmen rückläufige Auftragsmengen an den beiden Werken. Der Auslöser dahinter ist eine einzige Entscheidung: Netto Marken-Discount betreibt seine Bedientheken künftig selbst, statt sie an Wolf zu vergeben. Geschäftsführer Christian Wolf sagt, man habe alle Möglichkeiten geprüft und keine Alternative gefunden, um die wirtschaftliche Stabilität zu halten. Das ist die nüchternste Fassung eines Risikos, das in jeder Mittelstandsbilanz steckt und in keiner Kennzahl auftaucht. Kein Preisverfall, kein Nachfrageeinbruch, kein Fehler im eigenen Betrieb — eine Make-or-Buy-Entscheidung bei einem Kunden, getroffen aus dessen Logik heraus, und zwei Werke verlieren ihre Auslastung. Die Frage, die jeder Zulieferbetrieb aus dieser Woche mitnehmen sollte, ist deshalb nicht, wie hoch der Anteil des größten Kunden am Umsatz ist. Diese Zahl kennen alle. Die Frage ist, welcher Teil davon auf einer Leistung beruht, die der Kunde grundsätzlich auch selbst erbringen könnte — und wie lange er bräuchte, um damit anzufangen.
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Die Kosten steigen auf beiden Seiten der Rechnung
Naturkost Erfurt hat ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung beantragt, das Amtsgericht Erfurt hat es genehmigt. Der Betrieb beliefert von zwei Standorten aus Bio-Fachhandel, Hofläden, Lieferdienste und Gastronomie in Thüringen, Sachsen, dem südlichen Sachsen-Anhalt und Nordbayern, mit über 12.000 Artikeln, davon rund 2.000 frisch; betroffen sind etwa 65 Beschäftigte. Die Begründung ist präziser als das übliche Kostenargument und deshalb lesenswert: Man sei gleich doppelt getroffen — durch höhere Preise für Bio-Lebensmittel und Betriebsstoffe und dadurch, dass die Kunden aufgrund der sie ebenfalls treffenden Kostensteigerungen weniger bestellen. Das ist die Zange, in der die Zwischenstufe sitzt. Ein Großhandel kann steigende Einkaufspreise weitergeben oder sinkende Bestellmengen abfedern, aber selten beides gleichzeitig, weil beide Bewegungen dieselbe Marge angreifen. Wer im Bio-Fachhandel plant, sollte diese Woche nicht die Insolvenzmeldung ablegen, sondern die Frage: Wie viele der eigenen Lieferwege laufen über genau eine solche Zwischenstufe, und was kostet es, wenn sie ausfällt?
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Ein Viertel des Umsatzes, und das Verhandeln hört auf
Die Bundeswettbewerbsbehörde hat ein förmliches Verfahren gegen Foodora eröffnet, Verdacht auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung. Vorausgegangen ist eine Branchenuntersuchung, die seit März 2023 lief und rund 2.500 Wiener Gastronomiebetriebe befragt hat. Die Zahlen daraus sind der eigentliche Befund: Foodora und Lieferando hielten 2024 gemeinsam 90 bis 100 Prozent des Marktes, Foodora allein 50 bis 60 — und die befragten Wiener Betriebe machten rund 25 bis 30 Prozent ihres Umsatzes über die Plattformen. Beanstandet werden unter anderem Exklusivklauseln, die parallele Angebote auf konkurrierenden Plattformen ausschließen, Bestpreisklauseln, die günstigere Preise im eigenen Kanal verhindern, Pönalen bis zu 10 Euro für Verspätungen oder abgelehnte Bestellungen und einseitige Vertragsänderungen. Generaldirektorin Natalie Harsdorf sagt, steigende Abhängigkeiten der Restaurants könnten sich negativ auf Preise, Angebot und Arbeitsbedingungen auswirken. Es gilt die Unschuldsvermutung; Foodora kündigt volle Kooperation an. Die letzte Karte dieser Ausgabe zeigt ein Handelsformat, das gerade auf eine Plattform geht. Diese hier zeigt, wie der Vertrag nach ein paar Jahren aussieht. Ein Viertel des Umsatzes ist ungefähr der Anteil, ab dem man die Konditionen nicht mehr verhandelt, sondern entgegennimmt.
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Zwei Wochen, zwei Bio-Ketten, eine Plattform
Super-Bio-Markt startet mit Wolt einen Piloten in Düsseldorf: über 5.000 Bio-Artikel, im Schnitt rund 35 Minuten Lieferzeit. Vorstand Luca Radau spricht von einem zusätzlichen, zeitgemäßen Einkaufskanal ohne Abstriche beim Qualitätsanspruch. Der eigentliche Punkt liegt im Kalender. Alnatura ist am 24. August mit Wolt in acht Städten gestartet, Super-Bio-Markt folgt neun Tage später. Nach der Alnatura-Karte aus W35 ist das keine Einzelentscheidung mehr, sondern eine Bewegung: Der Bio-Fachhandel geht auf die Plattform — und die Kundenbeziehung geht mit. Wer die Bestellung entgegennimmt, kennt künftig den Warenkorb, die Frequenz und den Namen; der Markt kennt die Abholnummer.
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Drei Fäden, ein Satz
Neun dieser zwölf Karten beschreiben dieselbe Trennung. Netto entscheidet über die eigene Bedienthekenstrategie, und 120 Stellen bei einem Zulieferer in Schwandorf und Schmölln hängen daran. Die EmpCo-Richtlinie wird in Brüssel geschrieben, überklebt wird in Waldenbuch — und zwar eine Aussage, die stimmt. Die Kunden von Naturkost Erfurt bestellen weniger, weil ihre eigenen Kosten steigen; die Zange schließt sich an einem Ort, an dem niemand sie zugedrückt hat. Yougov misst drei Prozent in einer kleinen Teilmenge, und die Branche liest 325 Millionen. EY zeigt die Bauform am reinsten: Wer bessere Sensorik hat, meldet mehr Auffälligkeiten, und wer keine hat, hält sich für sicherer. Gemessen wird woanders, bezahlt wird im Betrieb. In W35 fehlte den Konditionen die zweite Zahl. Diese Woche gibt es die Zahl — sie entsteht nur an einem Ort, an dem der eigene Betrieb nicht mitschreibt. Syspro verkauft dagegen eine Bauform, in der protokolliert wird, welche Regel gegriffen hat. Das ist ausnahmsweise die richtige Antwort auf die richtige Frage.