Radar · 2026-W37 · 12.09.2026
Der Zugang wird verkauft, bevor er vermessen ist
Erst der Preis, dann die Messgröße.
- 01 / 13
1,5 bis 2,5 Prozent für das digitale Regal
Der Jahresbericht der Bundeswettbewerbsbehörde zu unlauteren Handelspraktiken beschreibt einen Vorgang, den man kennen sollte, bevor man das nächste Angebot für den digitalen Kanal unterschreibt. dm hat eine Vielzahl von Lieferanten angeschrieben und für die digitale Erweiterung der Filialen einen sogenannten OCR-Bonus verlangt: 1,5 Prozent bei Lieferanten, deren Online-Umsatz bis zu vier Prozent des stationären Umsatzes ausmacht, 2 Prozent darüber, in Einzelfällen bis 2,5. Die Behörde hat am 26. Februar 2025 in 20 Fällen Geldbußen beantragt. Entschieden ist bis heute nichts, und der Grund ist der eigentliche Befund. Das Verfahren ist unterbrochen, weil im Parallelfall MPREIS — 16 Anträge aus dem Jahr 2023, mehr als 200 angeschriebene Lieferanten, Zahlungen für einen internen Transformationsprozess — erst der EuGH klären musste, ob gleichzeitige Zahlungsaufforderungen an viele Lieferanten als eine einzige Tat gelten und damit mit einer einzigen, auf 500.000 Euro gedeckelten Geldbuße abgetan sind. Das Urteil vom 29. Jänner 2026 sagt: erlaubt, aber nur solange die Strafe wirksam, verhältnismäßig und abschreckend bleibt — und der Gerichtshof merkt ausdrücklich an, dass das zweifelhaft wird, wenn die Obergrenze deutlich unter dem Gewinn liegt, den die Praktik verspricht. Für Lieferanten heißt das zweierlei: Die Forderung kommt sofort, der Rechtsschutz braucht Jahre. Die EU-Kommission nennt den Rest beim Namen — den Angstfaktor, der dafür sorgt, dass Behörden überhaupt auf Einzelbeschwerden angewiesen sind.
Quelle ↗ - 02 / 13
300 Märkte werden zur Werbefläche
Toom verkauft künftig Werbeplätze an externe Partner: gesponserte Produktanzeigen und Display-Werbung im Onlineshop, App, Website, Newsletter, Social Media und nach und nach Bildschirme in den rund 300 Märkten mit über zwei Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche. Abgewickelt wird das über Rewe Group Retail Media Connect, die im Konzern bereits Rewe, Penny und Zoo Royal vermarktet. Bemerkenswert ist weniger der Schritt als die Richtung, in die er zeigt. Der Baumarkt verkauft nicht zusätzliche Ware, sondern die Aufmerksamkeit, die seine Fläche ohnehin erzeugt — und zwar an dieselben Industriepartner, die dort schon liefern. Wer in diesem Kanal beliefert, bekommt in den nächsten Monaten ein Angebot, das formal freiwillig ist.
Quelle ↗ - 03 / 13
88 Prozent wichtig, die Hälfte unter fünf Prozent
Die Organisation Werbungtreibende im Markenverband hat ihre Mitglieder zu Retail Media befragt. 88 Prozent bewerten die Gattung als wichtig oder sehr wichtig. Und die Hälfte investiert weniger als fünf Prozent des Mediabudgets hinein. Bis 2030 erwarten nur noch 17 Prozent, unter dieser Schwelle zu bleiben — die Absicht ist also da, das Geld noch nicht. Als Bremsen nennt die Umfrage fehlende Transparenz bei Preisen und eingesetzten Daten, unklare Möglichkeiten zur Messung des Return on Advertising Spend und unterschiedliche technische Spezifikationen der Anbieter. Das ist dieselbe Lücke wie in der vorigen Karte, nur von der anderen Seite des Tisches. Der Handel baut die Fläche und verkauft sie; die Industrie hält das für wichtig und kann nicht nachrechnen, was sie bekommt. Wer gerade ein Retail-Media-Angebot auf dem Tisch hat, sollte nicht über den Preis verhandeln, sondern über die Messgröße — solange es noch keinen Standard gibt, ist sie verhandelbar, und danach nicht mehr.
Quelle ↗ - 04 / 13
28 Prozent kaufen zum ersten Mal über die Plattform
Wolt legt seinen ersten Retail Report vor: über 230 Millionen Einzelhandelsbestellungen seit 2015, mehr als 40.000 aktive Handelsstandorte Ende 2025 und damit 43 Prozent mehr als im Vorjahr, 46 Prozent Wachstum beim Bestellwert im Lebensmittelbereich, 48 Prozent der Lebensmittelbestellungen mit mindestens zehn Artikeln. Die Zahl, auf die es ankommt, ist eine andere: 28 Prozent der Kundinnen und Kunden haben bei einem Händler zum ersten Mal über Wolt gekauft. Das ist kein Liefererfolg, das ist eine Kundenakquise, die dem Händler gehört und auf dem Konto der Plattform verbucht wird. Die Herkunft der Zahlen gehört dazu: Der Report stammt von Wolt selbst, erstellt mit Copenhagen Economics und Taloustutkimus, befragt wurden 4.624 Konsumentinnen und Konsumenten und 2.413 Händler in 23 Ländern — im Feld zwischen Dezember 2024 und Mai 2025. Die Daten sind bei Veröffentlichung also rund fünfzehn Monate alt und beschreiben einen Markt, der sich seither weiterbewegt hat. Als Marktbeleg taugt das wenig, als Selbstbeschreibung eines Kanals, der gerade zur Erstkontaktfläche wird, sehr viel.
Quelle ↗ - 05 / 13
Produktdaten werden zur neuen Regalfläche
Marilyn Repp, Handelsexpertin und Herausgeberin des Future Retail Briefing, formuliert in einem Interview den Satz, der diesen Faden schließt: Agentic Commerce beginne nicht mit dem autonomen Kauf, sondern in dem Moment, in dem eine KI entscheidet, welche drei Produkte ein Mensch überhaupt sieht. Sie räumt selbst ein, dass der KI-vermittelte Traffic auf Händlerseiten heute noch klein ist — das ist keine Zahlenkarte, sondern eine Vorwegnahme. Trotzdem gehört sie in diese Ausgabe, weil sie beschreibt, was nach Regalplatz, Werbefläche und Plattformlistung als nächstes gekauft wird. Ihre Formel dafür ist präzise: Produktdaten werden zur neuen Regalfläche, und zwar nicht die Frage, was verkauft wird, sondern warum es welches Problem löst. Wer seine Stammdaten heute als Pflichtübung für den Katalog führt, pflegt damit demnächst das Kriterium, nach dem entschieden wird, ob er überhaupt in die Auswahl kommt.
Quelle ↗ - 06 / 13
Die Pflicht, die diese Woche galt, ist nicht die, die Sie bindet
Seit 11. September gelten die ersten Pflichten des Cyber Resilience Act: Aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Vorfälle sind binnen 24 Stunden zu melden, binnen 72 Stunden nachzureichen, am Ende folgt ein Abschlussbericht. Eine Bitkom-Befragung unter 1.003 Unternehmen ab zehn Beschäftigten, erhoben in den Kalenderwochen 16 bis 23, zeigt die Lage dazu: 67 Prozent haben vom CRA gehört, aber nur 29 Prozent wissen, was er für den eigenen Betrieb bedeutet. Die zentrale Meldeplattform ging am selben Tag live — niemand konnte den Meldeweg vorher testen. Wichtiger als all das ist eine Abgrenzung, die in der Berichterstattung fast durchgängig untergeht: Der CRA bindet Hersteller von Produkten mit digitalen Elementen. Ein Lebensmittelgroßhandel, ein Getränkeproduzent, ein Fachhändler fällt dadurch in aller Regel nicht in den Anwendungsbereich. Was diese Betriebe tatsächlich bindet, heißt NIS2 und in Österreich NISG 2026: in Kraft ab 1. Oktober, Registrierung über das Unternehmensserviceportal bis 31. Dezember, und die Geschäftsführung haftet persönlich für die Risikomanagementmaßnahmen und muss an einer Cybersicherheitsschulung teilnehmen. Die 29 Prozent sind also womöglich gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass sich gerade viele mit der falschen Verordnung beschäftigen.
Quelle ↗ - 07 / 13
Mindestens ein digitales Verfahren, Terminal auf eigene Rechnung
Ein Eckpunktepapier des Bundesfinanzministeriums sieht vor, dass Geschäfte, Gastronomie und Dienstleister künftig neben Bargeld mindestens ein digitales Zahlverfahren anbieten müssen; welches, entscheidet der Betrieb. Umsatzschwellen soll es nicht geben, Aufschläge auf Kleinbeträge ebenfalls nicht, Ausnahmen sind für Vereine, Dorffeste und Flohmärkte vorgesehen. Umsetzung geplant für 2027. Zwei Sätze aus dem Kleingedruckten entscheiden über die Kosten. Das Terminal zahlt der Betrieb selbst. Und die Wahl des Verfahrens bleibt frei — was heißt, dass die günstigste erlaubte Variante die Girocard ist und Visa und Mastercard deutlich teurer transagieren. 55 Prozent der Alltagstransaktionen liefen 2025 bereits bargeldlos, Mobile Payment kommt auf 10 Prozent. Für die meisten Betriebe ist das also keine neue Fähigkeit, sondern eine neue Pflicht auf eine vorhandene — und ein guter Anlass, die eigenen Konditionen einmal nachzurechnen, bevor die Pflicht die Verhandlungsposition kostet.
Quelle ↗ - 08 / 13
Die Bots waren schneller als der eigene Shop
Beim Verkaufsstart der Tonies-Weihnachtsfiguren am Mittwoch haben automatisierte Programme von Wiederverkäufern den eigenen Shop überrannt; Kundinnen und Kunden fanden geleerte Warenkörbe vor. Das Unternehmen entschuldigt sich, bestätigt, dass Reseller regelmäßig mit Bots kaufen, und sagt, trotz erhöhter Serverkapazität und Gegenmaßnahmen sei die Menge zu groß gewesen. Den Vorwurf künstlicher Verknappung weist es zurück, man habe die Stückzahlen deutlich erhöht. Der Punkt für alle, die einen eigenen Shop betreiben: Die Angriffsfläche ist hier nicht die IT-Sicherheit, sondern der Verkaufsmechanismus selbst. Ein Drop ohne Warteschlange, ohne Kontobindung, ohne Mengenlimit ist eine Einladung — und der Schaden ist nicht der Umsatz, den es ja gab, sondern die Kundenbeziehung.
Quelle ↗ - 09 / 13
Jedes fünfte Unternehmen, und die Großen zuerst
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat 1.041 Unternehmen befragt: Jedes fünfte spürt hybride Bedrohungen aus dem Ausland — gemeint sind Cyberangriffe, Desinformation, Spionage und Sabotage. Betroffen sind überdurchschnittlich Betriebe ab 250 Beschäftigten; das höchste wahrgenommene Risiko meldet die Informations- und Kommunikationsbranche, gefolgt von Energie- und Wasserversorgung sowie Entsorgung. Die Lebensmittelversorgung wird ausdrücklich danebengestellt. Man sollte die Größenverteilung nicht als Entwarnung für kleinere Betriebe lesen. Sie ist vor allem eine Aussage darüber, wer es merkt — und das ist im Zweifel der Betrieb mit einer Abteilung, die danach sucht. Neben der vorigen Karte gelesen ergibt das eine unbequeme Reihenfolge: Erst kommt die Meldepflicht, dann die Fähigkeit, überhaupt zu bemerken, was zu melden wäre.
Quelle ↗ - 10 / 13
72 Milliarden Potenzial, vier Prozent im Kernprozess
Das Wirtschaftsforschungsinstitut Economica hat im Auftrag von Microsoft Österreich beziffert, was KI der österreichischen Wirtschaft bringen könnte: 72 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung, rund 18 Prozent des BIP. Vier Branchen tragen 54,9 Prozent davon, Industrie mit 19,8 Milliarden und Handel mit 9 Milliarden an der Spitze. In derselben Meldung steht die Zahl, die das Ganze einordnet, und sie stammt nicht von Microsoft: Vier Prozent der österreichischen Betriebe haben KI vollständig in ihre Kernprozesse integriert. Die Nutzungsquote in der Bevölkerung liegt bei 34,1 Prozent und damit über dem EU-Schnitt — Platz 18 weltweit. Das Muster ist das der ganzen Ausgabe. Das Potenzial hat einen Preis, bevor irgendjemand die Strecke bis dorthin vermessen hat. Zwischen 34 Prozent Leuten, die es privat benutzen, und vier Prozent Betrieben, die es im Kernprozess haben, liegt genau die Arbeit, die keine Studie beziffert.
Quelle ↗ - 11 / 13
17 Prozent heimlich, 42 Prozent gar nicht
Tieto Austria hat mit TQS Research & Consulting 1.000 Österreicherinnen und Österreicher befragt, repräsentativ nach Geschlecht, Alter, Bundesland und Bildung, davon 795 erwerbstätig, online erhoben. Rund 17 Prozent der Erwerbstätigen nutzen KI-Assistenten, ohne dass ihr Unternehmen davon erfährt. Diese Zahl ist durch die Meldungen gelaufen. Die beiden anderen sind interessanter: Nur 23 Prozent arbeiten ausschließlich mit offiziell freigegebenen Anwendungen — und 42 Prozent nutzen gar keine. Nach der Karte aus W33, in der 99 Prozent einer Entwicklerstichprobe KI nutzten und zwei Drittel nicht durften, ist das die Gegenprobe an einer repräsentativen Bevölkerung: Das eigentliche Bild ist nicht flächendeckende Heimlichkeit, sondern eine Dreiteilung, in der die größte Gruppe außen vor steht. Regional geht das weit auseinander, 27 Prozent Schatten-KI im Burgenland gegen 10 Prozent in Salzburg. Wer daraus eine Freigabepolitik ableitet, sollte beide Enden bedienen. Ein Verbot adressiert 17 Prozent. Die 42 Prozent kosten mehr, und niemand schreibt darüber.
Quelle ↗ - 12 / 13
Der Demo fehlt die Funktionstrennung
Ken Fischer, Chef des ERP-Dienstleisters Atigro, schreibt über den Grund, aus dem KI-Piloten nach makellosen Vorführungen im Betrieb scheitern, und die Diagnose ist es wert, auch wenn sie in einem Werbetext steht. Ein Assistent am Schreibtisch arbeite für einen selbst und verantworte sich einem selbst. Ein Agent im ERP müsse bei jedem einzelnen Schritt Funktionstrennung, Freigabehierarchie und Rollenrechte einhalten. Die Demo muss diese Hürde nie nehmen, das Produktivsystem immer. Belege liefert der Text keine — die genannten über 95 Prozent sind eine Behauptung des Autors über den Markt, in dem er verkauft. Getragen wird die Karte davon, dass es dieselbe Diagnose ist wie in der Syspro-Karte aus W36, von einem anderen Anbieter, unabhängig formuliert: Der Engpass ist nicht das Können des Modells, sondern die Frage, wer die Erlaubnis erteilt hat. Wenn zwei Wettbewerber unabhängig dieselbe Bruchstelle benennen, ist das noch kein Beleg, aber ein brauchbarer Hinweis darauf, wonach man im eigenen Pilotprojekt sucht.
Quelle ↗ - 13 / 13
Sieben Kriterien, eine Anwendung, 300 Leute
Das Know Center in Graz vergibt künftig ein Gütesiegel für vertrauenswürdige KI. Geprüft werden konkrete Anwendungen — Werkzeuge, Dienste, Modelle, Systeme — entlang von sieben Feldern: Datenschutz und Sicherheit, Transparenz, Erklärbarkeit und Fairness, menschliche Aufsicht, digitale Souveränität, Wirtschaftlichkeit und digitaler Humanismus. Die Teilnahme ist freiwillig. Das erste Pilotprojekt, der Kommunale KI-Assistent des Österreichischen Städtebunds, hat das Verfahren durchlaufen und wird bis Ende 2026 mit rund 300 Mitarbeitenden getestet. Gegen die übrigen Karten dieser Ausgabe gelesen ist das die einzige, in der jemand erst prüft und dann ausrollt. Ob das Siegel etwas wert ist, entscheidet sich daran, ob es je einer Anwendung verweigert wird.
Quelle ↗
Drei Fäden, ein Satz
Diese Woche hat einen gemeinsamen Nenner, und er liegt nicht bei der Ware. Verkauft wird der Zugang — zum Regal, zur Kasse, zum Werkzeug —, und in fast jedem Fall steht der Preis fest, bevor jemand sagen kann, was man dafür bekommt. dm hat 1,5 bis 2,5 Prozent für das digitale Regal verlangt, und drei Jahre später steht noch immer keine Entscheidung darüber, ob das erlaubt war. Toom öffnet 300 Märkte für fremde Werbung, während 88 Prozent der Werbekunden dieselbe Gattung wichtig finden und die Hälfte unter fünf Prozent ihres Budgets hält, weil der ROAS nicht nachrechenbar ist. Wolt berichtet, dass 28 Prozent seiner Kunden zum ersten Mal über die Plattform bei einem Händler kaufen — in einem Report, den Wolt selbst beauftragt hat. Und für Österreich stehen 72 Milliarden KI-Potenzial neben vier Prozent Betrieben, die KI im Kernprozess haben. Der Zugang wird verkauft, bevor er vermessen ist. Die einzige Karte, die es umdreht, ist die langweiligste: Ein Gütesiegel prüft sieben Kriterien an einer einzigen Anwendung, bevor 300 Leute sie benutzen.