Radar · 2026-W41 · 10.10.2026
Die Maschine liest den Artikelstamm
Datenpflege wird Regalplatz.
Faden 01 Der Agent liest den Artikelstamm 3 Signale
- 01 / 112027 geplanter Start des dm-Agenten (laut LZ)
Der Agent bekommt zwei Türen
dm will laut Lebensmittel Zeitung als erster großer Händler von schnelldrehenden Konsumgütern einen eigenen Einkaufsagenten in seine App einbauen; die Angaben zum Dienst „dm-mitgedacht“ stammen laut LZ von Lieferanten der Kette. Anfang 2027 soll er als intelligente Einkaufsliste starten, später Warenkörbe anpassen und Käufe nur auf ausdrücklichen Wunsch selbst abschließen. Geschäftsführer Sebastian Bayer erwartet grundlegende Konsequenzen für das Geschäft. Online-Einkäufer Marcel Rieser warnt: Wer schon heute Probleme mit der Pflege seiner Stammdaten habe, drohe in den Hintergrund zu geraten. Weniger beachtet ist, dass dm bereits einen eigenen MCP-Server betreibt, über den fremde KI-Agenten den Katalog durchsuchen und Preise sowie Marktbestände abfragen; einen Warenkorb füllen dürfen sie laut Dr. Web nicht. Der Druck kommt von außen: Meta hat mit Muse einen Assistenten vorgestellt, der auch Einkäufe erledigen soll, und erste Händler wie Amazon sperren solchen Bots bereits den Zugang. dm baut also zwei Türen, eine für den eigenen Agenten und eine für die Agenten der anderen, und hält an der fremden die Kasse geschlossen. Für Lieferanten heißt das: Den Artikelstamm liest künftig eine Maschine, die ein Produkt mit fehlender Angabe nicht überblättert, sondern gar nicht erst vorschlägt. Datenpflege wird Regalplatz.
Quelle ↗ - 02 / 117 % vertrauen einer KI von Händlern oder Herstellern
Suchen ja, zahlen nein
Für den Consumer Snapshot von KPMG hat das EHI 500 Verbraucher repräsentativ online befragt. 46 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten häufig oder sehr häufig KI bei Kaufentscheidungen eingesetzt. Wie weit sie den Agenten lassen, hängt am Schritt: Beim Smartphone-Kauf würden sich 72 Prozent bei der Informationssuche helfen lassen, beim Bezahlen noch 45 Prozent. 79 Prozent wollen jederzeit selbst eingreifen können, 74 Prozent selbst bestimmen, welche persönlichen Daten der Agent nutzt. Der Befund, der neben der dm-Karte am schwersten wiegt: Geht es um Objektivität, bevorzugen 64 Prozent allgemeine generative KI, einer KI von Händlern oder Herstellern vertrauen in dieser Hinsicht 7 Prozent. Unter den größten Risiken nennen die Befragten, dass ein Agent bestimmte Händler systematisch bevorzugt. Der Händleragent startet also mit einem Misstrauen, das er nicht selbst verschuldet hat und das er durch Leistung allein nicht abbaut. Deshalb ist die zweite Tür, die für fremde Agenten, keine Nebensache. Bei 500 Befragten sind das Richtungen, keine Marktanteile.
Quelle ↗ - 03 / 1121 % klicken nach einer KI-Antwort auf einen Link
Der Klick fällt weg
Laut der Studie „Suchverhalten im Wandel 2026“ von WPP Media Österreich nennen nur noch 46 Prozent der Befragten Google als Hauptinformationsquelle, 2025 waren es 59 Prozent. Nach einem klassischen Suchergebnis klicken 39 Prozent typischerweise auf einen Link, nach einer KI-Antwort 21 Prozent; 43 Prozent stellen stattdessen eine Folgefrage im Chatbot. Stichprobe und Methodik nennt die Berichterstattung nicht, die Studie selbst war nicht auffindbar. Die Richtung passt zu den beiden Karten davor: Wer gefunden werden will, wird zunehmend in einer Antwort zitiert statt besucht, und zitiert wird, was eine Maschine lesen kann.
Quelle ↗
Faden 02 Mehr Menge, weniger Geld 4 Signale
- 04 / 11−2,8 % Umsatz bei 1,4 % mehr Menge
Mehr verkauft, weniger eingenommen
Die deutsche Ernährungsindustrie hat im Juli laut BVE-Konjunkturreport im In- wie im Ausland jeweils 1,4 Prozent mehr Menge abgesetzt und trotzdem 2,8 Prozent weniger umgesetzt, 20,3 Milliarden Euro. Der Grund sind die Preise: Ausfuhrpreise minus 5,1 Prozent, Inlandsverkaufspreise minus 3,7 Prozent. Am Anfang der Kette fallen sie noch stärker, die Erzeugerpreise landwirtschaftlicher Produkte liegen 13,7 Prozent unter Vorjahr, Milch bei minus 24,8 Prozent. Gleichzeitig liegt der FAO-Lebensmittelpreisindex im September 5,8 Prozent über Vorjahr, Zucker und Getreide ziehen im Monatsvergleich an. 30,3 Prozent der Hersteller erwarten im ifo-Geschäftsklima eine Verschlechterung, 10,1 Prozent eine Verbesserung. Nach der Teuerungskarte aus W40 ist das die andere Hälfte des Bildes: Die Verbraucherpreise für Lebensmittel stiegen im August um 0,1 Prozent, während die Hersteller zwischen anziehenden Weltmarktpreisen und fallenden Abgabepreisen sitzen. Wer produziert, sollte die Marge dieses Jahres nicht an der Menge ablesen. Die Menge ist die Zahl, die gut aussieht.
Quelle ↗ - 05 / 11−14,8 % Konzernerlöse Pfalzmarkt 2025
Ob das noch gewollt ist
Die Erzeugergenossenschaft Pfalzmarkt meldet für 2025 Konzernerlöse von 274,4 Millionen Euro, 14,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Die vermarktete Menge sank um 11,8 Prozent auf rund 203.000 Tonnen, die Durchschnittspreise um 3,4 Prozent. Als Ursachen nennt die Genossenschaft ein großes Angebot aus dem witterungsbegünstigten Südeuropa, einen verspäteten Wechsel des Handels auf deutsche Ware, Qualitätsprobleme im feuchten Frühherbst und fehlende Pflanzenschutzmittel. Als wesentlichen Kostentreiber führt sie den Mindestlohn an: 12,41 Euro 2024, 14,60 Euro ab Januar 2027. Vertriebsvorstand Reinhard Oerther fragt, „ob die Erzeugung von Obst und Gemüse in Deutschland unter den derzeitigen Rahmenbedingungen überhaupt noch gewollt ist“. Die Antwort der Genossenschaft ist operativ: ein Kostensenkungsprogramm, ein 2025 eingeführtes neues Warenwirtschaftssystem, ein aufgelöster Beirat. Neben der BVE-Karte gelesen fallen hier Menge und Preis zugleich, und die Ware, mit der der Handel die Lücke füllt, wird unter anderen Kostenstrukturen erzeugt.
Quelle ↗ - 06 / 11320 Arbeitsplätze in zwei Werken
Zwei Werke, 320 Stellen
Die Unternehmensgruppe Theo Müller schließt die Schnittkäserei von Sachsenmilch in Leppersdorf zum 31. Dezember und das Homann-Saucenwerk in Rogätz bis Ende September 2027, zusammen rund 320 Arbeitsplätze; die Sauermilchkäserei und der Mozzarella-Bereich in Leppersdorf laufen weiter. Für Rogätz nennt der Konzern eine nicht wettbewerbsfähige Kostenstruktur, erheblichen Investitionsbedarf und eine sinkende Nachfrage nach Saucen im Glas, weil die Kundschaft andere Verpackungen bevorzuge. Nach den Werkskarten aus W40 ist das eine Schließung derselben Bauart: Ein Standort trägt sich nicht mehr, wenn Auslastung und Format gleichzeitig wegbrechen.
Quelle ↗ - 07 / 111,69 € empfohlener Preis, Aldi bleibt bei 1,59 €
Zehn Cent, die Aldi nicht nimmt
Coca-Cola hat seine Abgabepreise zum 1. September erhöht und empfiehlt für die 1,25-Liter-Flasche seither 1,69 Euro. Netto und Lidl haben den Preis übernommen; Aldi verkauft die Restbestände weiter für 1,59 Euro, die Lieferungen sind laut Lebensmittel Zeitung derzeit unterbrochen. Rewe hatte die Erhöhung zunächst ebenfalls nicht akzeptiert und große Teile des Sortiments nicht bestellt, dieser Konflikt ist laut LZ beigelegt; bei Edeka gibt es für die Standardkiste noch keine Einigung. Coca-Cola äußert sich nicht. Neben den beiden Karten davor ist das die Gegenrichtung: Eine Marke, auf die kein Händler lange verzichten will, setzt ihren Preis durch oder zwingt den Händler, die Lücke im Regal zu erklären. Dass das Monate dauern kann, hat Red Bull in diesem Jahr bei Aldi gezeigt. Eine Genossenschaft, deren Ware der Handel auch aus Spanien bekommt, hat diesen Hebel nicht.
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Faden 03 Kalender, Kanal, Abgabe 4 Signale
- 08 / 11
Die Woche beginnt am Montag
Kaufland startet seine Wochenangebote ab 12. Oktober montags statt donnerstags, mehr als 300 Angebote gelten dann sechs Tage lang. Dazu kommen Aktionen ab Donnerstag und Angebote nur für Freitag und Samstag. Den Prospekt hatte Kaufland schon Anfang des Jahres aufs Wochenende vorgezogen; Marketing-Geschäftsleiter Michael Lüttgen nennt die Umstellung „konsequent den nächsten Schritt“. Für Lieferanten dürfte sich damit die Spitze in Disposition und Anlieferung an den Wochenanfang verschieben. Und jeder Vorher-Nachher-Vergleich einer Aktion, der den alten Donnerstagsrhythmus unterstellt, misst ab nächster Woche etwas anderes. Wer Abverkaufsdaten von Kaufland auswertet, sollte den 12. Oktober im Kalender markieren, bevor er als Effekt in einer Auswertung auftaucht.
Quelle ↗ - 09 / 11−35,5 % Shein, Temu und Aliexpress im dritten Quartal
Der Zoll wirkt, die Paketsteuer soll nach Brüssel
Laut BEVH wuchs der Onlinehandel mit Lebensmitteln im dritten Quartal um 9,1 Prozent auf 931 Millionen Euro, der gesamte Onlinehandel nur um 2,9 Prozent auf rund 18,5 Milliarden Euro, unter der Inflationsrate von 3,3 Prozent im September. Shein, Temu und Aliexpress verloren 35,5 Prozent auf 566 Millionen Euro, ihr Marktanteil fiel von 5,3 auf 3,1 Prozent; seit Juli ist jede Sendung aus Drittstaaten zollpflichtig. Die Zahlen beruhen auf einer Verbraucherbefragung, nicht auf Umsatzmeldungen. In Österreich, wo seit 1. Oktober die Paketsteuer gilt (W40), hat der Handelsverband eine achtseitige Binnenmarkt-Beschwerde bei der EU-Kommission eingebracht und verlangt ein Vertragsverletzungsverfahren. Nach eigenen Angaben trifft die Abgabe jeden dritten heimischen Webshop; Investitionen seien bereits gestoppt oder verschoben worden. Die deutsche Zahl gibt dem Verband ein Argument: Gegen die Plattformen aus Drittstaaten hat der Zoll gewirkt, ohne heimische Webshops mitzutreffen.
Quelle ↗ - 10 / 1138 ct je Liter in der höchsten Stufe
Der Zuckergehalt wird ein Steuermerkmal
Sechs Verbände der Getränkewirtschaft, darunter BVE und Brauer-Bund, fordern das endgültige Aus der geplanten Zuckersteuer. Der Entwurf aus dem Finanzministerium sieht je nach Zuckergehalt 26, 32 oder 38 Cent je Liter vor, erhoben ab 1. Juli 2027; einen Kasten Limonade verteuere das laut Verbänden um über fünf Euro. Das Kanzleramt hat den Entwurf vor rund einer Woche ausgebremst, laut Medienberichten wegen der Einnahmeerwartung: Ursprünglich waren 450 Millionen Euro im Jahr eingeplant, das Ministerium rechnet für 2028 nun mit 1,14 Milliarden. Unabhängig vom Ausgang lohnt die Liste der Folgen, die die Verbände selbst aufzählen: Tausende Produkte steuerlich prüfen und klassifizieren, Warenwirtschafts- und Abrechnungssysteme umprogrammieren, Steuerlager einrichten, Preislisten, Etiketten und Verträge anpassen. Wer Getränke herstellt oder handelt, sollte wissen, ob der Zuckergehalt je Artikel heute schon als pflegbares Feld im Stamm steht oder nur auf dem Etikett.
Quelle ↗ - 11 / 11325 Mio. € Umsatzrückgang pro Jahr laut YouGov
325 Millionen weniger im Einkaufswagen
Haushalte, in denen jemand in den vergangenen zwölf Monaten eine GLP-1-Medikation begonnen hat, reduzieren ihre Einkaufsmenge an Lebensmitteln und Getränken laut YouGov um 3 Prozentpunkte stärker als Haushalte ohne Nutzer. Hochgerechnet auf den deutschen Markt entspricht das einem Umsatzrückgang von rund 325 Millionen Euro im Jahr, gemessen an allen Gütern des täglichen Bedarfs 0,16 Prozent. Bei Kartoffel-Knabbergebäck sank die Menge je Nutzerhaushalt um 25 Prozent. Seit diesem Herbst gibt es das Mittel auch als Tablette; 48 Prozent der Interessierten sagen, das würde den Einstieg wahrscheinlicher machen, 63 Prozent nennen die Kosten als größte Hürde. Klein ist der Effekt nur im Durchschnitt, in den Snackregalen ist er es nicht.
Quelle ↗
Drei Fäden, ein Satz
Diese Woche bekommt der Artikelstamm einen neuen Leser: eine Maschine. dm baut einen eigenen Einkaufsagenten und lässt fremde Agenten schon heute an Katalog, Preise und Bestände, nur nicht an die Kasse. Die Verbraucher wollen genau das: Hilfe beim Suchen, Kontrolle beim Zahlen, und einer Händler-KI trauen nur 7 Prozent. Wer nicht in der Antwort steht, wird nicht mehr angeklickt. Den Artikelstamm liest künftig eine Maschine, und was sie nicht lesen kann, schlägt sie nicht vor. Der zweite Faden zeigt, wer sich die Pflege leisten muss: Die Ernährungsindustrie verkauft mehr Menge für weniger Geld, eine Erzeugergenossenschaft verliert beides, und nur eine Marke wie Coca-Cola kann sich leisten, bei Aldi zu fehlen. Der dritte Faden verschiebt den Kalender, den Kanal und die Abgaben: Kaufland beginnt die Woche am Montag, der Zoll drückt die Plattformen, und eine geplante Zuckersteuer würde den Zuckergehalt jedes Getränks zum Steuermerkmal machen.