Radar · 2026-W42 · 17.10.2026
Der Frost wird aus der Ferne abgetaut
Die Steuerung hängt am Wartungsvertrag.
Faden 01 Die Kälte hängt am Netz 2 Signale
- 01 / 09300 Intermarché- und Netto-Märkte mindestens betroffen
Der Frost wird aus der Ferne abgetaut
In der Nacht auf den 12. Oktober haben Unbekannte in Frankreich die Fernsteuerungen von Kühlanlagen übernommen und Kühlregale und Tiefkühltruhen in den Abtaubetrieb geschaltet, mit Solltemperaturen bis 50 Grad. Betroffen waren nach Angaben der Händler gegenüber der AFP mindestens 300 Intermarché- und Netto-Märkte, weniger als hundert Märkte von Coopérative U, rund 30 Monoprix und mehrere Leclerc. Danfoss, dessen Steuerungen getroffen wurden, spricht von Altgeräten ohne Sicherheitsupdates und betont, den Umstieg seit Langem empfohlen zu haben. Die französische Behörde CERT-FR nennt inzwischen auch Steuerungen von Copeland und Dixell und hält fest, dass eine aus dem Internet erreichbare Verwaltungsoberfläche grundsätzlich gegen bewährte Praxis verstößt. Das BSI hat am 13. Oktober Betreiber kleiner Anlagen in Deutschland aufgerufen, den direkten Internetzugriff zu sperren; ein deutscher Fall ist bislang nicht öffentlich bestätigt. Zwei Details machen daraus eine Frage für jeden Betrieb mit Kühlung. Intermarché sagt, die Versicherungen deckten diese Art von Schaden nicht. Und CERT-FR rät, vor dem Kappen der Fernverbindung zum Kältedienstleister die Versicherungsbedingungen zu prüfen. Die Steuerung hängt also oft am Wartungsvertrag, nicht an der eigenen IT. Die Frage für Montag ist, wer im Haus weiß, ob sie am Netz hängt.
Quelle ↗ - 02 / 0935 °C Außentemperatur, bei der die Kühlkette laut Rewe hält
Eine Kühlkette ohne Steuerung
Rewe stellt seinen Lieferservice auf Boxen mit Vakuumdämmung des Partners va-Q-tec um. Ein Kühlakku im Deckel hält laut Rewe die Kühlkette vom Fulfillment-Center bis zur Haustür auch bei 35 Grad Außentemperatur; Kühlfahrzeuge seien dafür nicht mehr notwendig, Trockeneis wird bei Kühlware und Fleisch durch Kühlakkus ersetzt. Nach dem Test in Köln läuft dort der Regelbetrieb, die übrigen Standorte folgen 2027. Rewe begründet das mit Effizienz und weniger Aufwand für Trockeneis, nicht mit Sicherheit. Neben der Karte davor fällt trotzdem auf: Eine passive Box hat keine Steuerung, die jemand aus der Ferne umstellen kann.
Quelle ↗
Faden 02 Wer fragt, bekommt eine Antwort 4 Signale
- 03 / 092 Jahre Datenstrategie vor dem Chat
Zwei Jahre Daten, dann der Chat
Rossmann führt ein Werkzeug namens „Chat with your Data“ ein, mit dem Beschäftigte interne Daten in natürlicher Sprache abfragen. Es läuft laut Unternehmensmitteilung auf der Plattform Databricks und ist Teil einer Datenstrategie, die vor zwei Jahren begonnen hat. Erprobt wurde es zuerst in der Logistik, bei Fragen zu Tourenplanung, Warenflüssen und Filialbelieferung; Einkauf, Marketing, Finanzen und Category Management sollen folgen. Beschäftigte sehen nur, wofür sie ohnehin berechtigt sind, parallel läuft eine interne Data Academy. Christian Metzner, Geschäftsführer IT & HR, sagt: „Der größte Engpass bei der Datennutzung ist heute oft nicht die Verfügbarkeit von Daten, sondern der Zugang zu ihnen.“ Logistikleiter Jan Blendermann sagt, man habe bewusst in die Grundlagen und „verlässliche Datenprodukte“ investiert. Das ist die Reihenfolge, die man sich merken sollte: zwei Jahre Datengrundlage, dann der Chat. In W41 las der fremde Agent den Artikelstamm, hier liest der eigene die eigenen Zahlen. Er ist nur so gut wie das, was vorher geprüft wurde.
Quelle ↗ - 04 / 098 % haben KI unternehmensweit skaliert (EY KI Readiness Check)
Die Lücke liegt nicht in der Technik
Drei Erhebungen aus Österreich zeigen diese Woche dieselbe Lücke von drei Seiten. Im Allianz Pulse, für den je 1.000 Personen in acht Ländern befragt wurden, haben nur elf Prozent der österreichischen Erwerbstätigen am Arbeitsplatz eine KI-Schulung erhalten, im Schnitt der acht Länder 17 Prozent; 52 Prozent sagen, ihr Arbeitgeber biete keine an. In der Umfrage „Wie zukunftsfit ist Österreich?“ unter 253 Unternehmen, die Leadersnet gemeinsam mit der Initiative Jetzt Tun! durchgeführt hat, liegt der KI-Reifegrad bei 2,6 von 5 Punkten. Als Hindernisse nennen die Betriebe zu geringe Beteiligung der Beschäftigten (38 Prozent), mangelnde Führung (35 Prozent) und eine fehlende Umsetzungsstrategie (34 Prozent), fehlende Kompetenzen nur 13,3 Prozent. Und Rita Niedermayr vom Controller Institut zitiert den EY KI Readiness Check 2026: 69 Prozent setzen KI zumindest in Pilotprojekten ein, unternehmensweit skaliert haben acht Prozent. Die Technik ist in keiner der drei Erhebungen der Engpass. Wer Rossmann nachbauen will, beginnt nicht beim Werkzeug, sondern bei Schulung und Zuständigkeit.
Quelle ↗ - 05 / 095 Fonds laut ChatGPT (tatsächlich 7)
Fünf statt sieben
Für einen Beitrag in der MIT Sloan Management Review haben Forschende aus Auckland und Montréal gemeinsam mit einer Agenturpraktikerin 15 Marketing- und Digitalverantwortliche befragt und einen Fall im Detail nachgezeichnet. Ein neuseeländischer Investmentanbieter (Pseudonym Stakewise) sah 2025 rund 700 Besuche im Monat über ChatGPT kommen, wusste aber nicht, was ChatGPT den Leuten vorher erzählt hatte. Als das Team die Fragen echter Kunden selbst stellte, kamen Antworten, die laut den Autorinnen und Autoren selbstsicher, flüssig und häufig falsch waren: fünf statt sieben Fonds, falsch beschriebene Gebühren, verwechselte Produkte. Für Hersteller und Händler heißt das nach W41: Entscheidend ist nicht nur, ob die Maschine einen findet, sondern was sie über einen sagt. Nachschauen kostet wenig, man stellt die Fragen der eigenen Kundschaft selbst. Bei 15 Interviews und einem Fall ist das ein Methodenbeispiel, kein Marktbefund.
Quelle ↗ - 06 / 098 % würden einen Einkauf vollständig automatisieren lassen
Die Kasse bleibt beim Menschen
YouGov liefert die Fortsetzung der KPMG-Karte aus W41. 66 Prozent derjenigen, die zu Black Friday und Cyber Monday einkaufen wollen, trauen KI zu, die besten Angebote zu finden, mehr als Kundenbewertungen und Online-Communitys (63 Prozent). 39 Prozent dieser Gruppe fällt es schwer, echte Rabatte von vermeintlichen zu unterscheiden, genau dafür wollen viele die KI einsetzen. Einen Kauf nach eigener Freigabe abschließen lassen würden zehn Prozent, einen Einkauf vollständig automatisieren acht Prozent. Befragt wurden zwischen Juli und August über 1.000 Erwachsene, darunter mehr als 300 Black-Friday-Interessierte. Das Muster hält: Suchen darf die Maschine, die Kasse bleibt beim Menschen.
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Faden 03 Die Schere und die Zusage 3 Signale
- 07 / 0961,5 % Erzeugerpreis Speisekartoffeln, August, ggü. Vorjahr
Die Knolle steigt, die Pommes fallen
Das Statistische Bundesamt meldet eine Kartoffelernte von 10,4 Millionen Tonnen, rund ein Viertel weniger als im Vorjahr: Die Anbaufläche schrumpfte um 11,1 Prozent, der Ertrag je Hektar wegen Hitze und Trockenheit um 15,4 Prozent. Im August zahlten Abnehmer für Speisekartoffeln 61,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, während die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise insgesamt um 7,0 Prozent sanken. Im Laden kosteten Kartoffeln im September 11,3 Prozent mehr, Nahrungsmittel insgesamt 0,4 Prozent. Tiefgefrorene Pommes frites wurden dagegen um 4,7 Prozent billiger. Destatis erklärt diese Gegenbewegung nicht. Naheliegend ist, dass Verarbeiter mit Anbauverträgen die Knappheit am freien Markt weniger spüren, belegt ist das hier nicht. Für den Einkauf bleibt eine alte Lehre: Ein Durchschnitt von 0,4 Prozent sagt nichts über die eigene Warengruppe.
Quelle ↗ - 08 / 0948,8 % Großhandelspreis Mineralölerzeugnisse, September, ggü. Vorjahr
Energie rauf, Tiere runter
Die Großhandelspreise lagen im September laut Statistischem Bundesamt 8,7 Prozent über dem Vorjahr, so hoch wie zuletzt im Februar 2023. Als Ursache nennt die Behörde die Kriegshandlungen im Iran und im Nahen Osten: Mineralölerzeugnisse kosteten 48,8 Prozent mehr, Getreide, Saatgut und Futtermittel 19,3 Prozent. Auf derselben Handelsstufe wurden Milch, Milcherzeugnisse, Eier, Speiseöle und Nahrungsfette 9,7 Prozent billiger, Fleisch und Fleischwaren 6,0 Prozent, lebende Tiere 15,1 Prozent. In diese Lage hinein senkt Aldi ab dem 15. Oktober dauerhaft die Preise für über 20 Artikel, um bis zu 50 Cent je Packung, vor allem Convenience wie Salate, Wraps und frische Pasta. Wer Lebensmittel verarbeitet oder handelt, steht damit zwischen zwei Kurven: Energie und Vorprodukte werden teurer, tierische Ware billiger, und der Discounter gibt den Ladenpreis vor. Wo die Marge diesen Herbst entsteht, entscheidet sich eher in der Kalkulation der Kosten als im Verkaufspreis.
Quelle ↗ - 09 / 092037 ab dann nur noch ökologisches Saat- und Pflanzgut
2037 ist ein Einkaufstermin
Ab 2037 schreibt die EU-Öko-Verordnung flächendeckend ausschließlich ökologisch erzeugtes Saat- und Pflanzgut vor; die Ausnahmegenehmigungen laufen bis 31. Dezember 2036 aus. Freya Schäfer vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) beschreibt gegenüber der Lebensmittel Praxis, wie weit der Weg ist: Europaweit stammt etwa die Hälfte des Saatguts aus ökologischer Vermehrung, aber nur etwa 1 bis 5 Prozent der Sorten aus ökologischer Züchtung. Nach FiBL-Berechnungen müsste die Produktion in der Zucht um 500 bis 600 Prozent steigen, und bis eine neue Sorte marktreif ist, vergehen oft zehn Jahre und mehr. Dazu kommt die Deregulierung neuer Gentechnik: Werden konventionelle Sortenportfolios rasch auf NGT1 umgestellt, könnte das konventionelle Saatgut, das Bio-Betriebe heute per Ausnahme nutzen, knapper oder teurer werden. Der Saatgutspezialist KWS nennt seine Bedingung ausdrücklich: „stetige, verbindliche und langfristige Abnahmezusagen durch den Handel“. Für Bio-Händler und Verarbeiter ist 2037 deshalb kein Termin der Landwirtschaft, sondern einer des eigenen Einkaufs. Wer zehn Jahre Züchtung braucht, plant nicht im Jahresgespräch.
Quelle ↗
Drei Fäden, ein Satz
Diese Woche zeigt sich, wer im Betrieb eigentlich die Hand an den Systemen hat. In Frankreich hat jemand über Fernsteuerungen ohne aktuelle Sicherheitsupdates die Kühlregale von Hunderten Märkten abgetaut, und die Versicherung deckt solche Schäden laut Intermarché nicht. Rewe zeigt nebenbei, dass eine Kühlkette auch ohne Steuerung auskommt. Was am Netz hängt, gehört dem, der den Zugang hat, nicht dem, der den Schaden trägt. Der zweite Faden stellt Fragen an Systeme: Rossmann lässt die Belegschaft nach zwei Jahren Datenarbeit mit den eigenen Zahlen chatten, in Österreich fehlen dafür vor allem Schulung und Führung, nicht Technik, und ChatGPT erzählt der Kundschaft eines Anbieters selbstsicher Falsches über dessen Produkte. Suchen lassen die Verbraucher die KI, zahlen nicht. Der dritte Faden ist die Schere: Kartoffeln steigen, Pommes fallen, Energie steigt, tierische Ware fällt, und Aldi senkt trotzdem die Preise. Wer Bio verkauft, hat zudem einen Termin, der zehn Jahre Vorlauf braucht: 2037.
Korrigiert am 17.10.2026: YouGov-Artikel ist vom 15.10. datiert; 66 % und 39 % beziehen sich auf potenzielle Black-Friday- und Cyber-Monday-Käufer. Rossmann: Primärquelle ist die Pressemitteilung vom 14.10.; Metzner ist Geschäftsführer IT & HR, Zitat nun wörtlich inklusive „oft“.