Radar · 2026-W43 · 24.10.2026
Der Scanner ist eine Tastatur
Das Einfallstor führt niemand als IT.
Faden 01 Das Einfallstor ist ein Gerät 3 Signale
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Der Scanner ist eine Tastatur
Kaspersky beschreibt in einem Bericht über die Angriffsflächen moderner Lager, wie ein drahtloser Handscanner zum Einfallstor wird. Der Scanner meldet sich am angeschlossenen Rechner wie eine Tastatur, und Scanner und Basisstation authentifizieren sich nicht gegenseitig. Bei einem Kundenauftrag zeigte Kaspersky an einem Testgerät, dass ein Angreifer in Funkreichweite so Tastatureingaben in den Rechner einschleusen und dort potenziell Code ausführen kann, ohne dass jemand etwas anklickt. Das Muster fand Kaspersky bei mehreren Herstellern, als Beispiel nennt der Bericht Honeywell-Geräte mit der Lücke CVE-2026-4272. Bei einem mobilen Etikettendrucker, dem Zebra ZQ630, ließ sich über eine Fehlkonfiguration beim Bluetooth-Koppeln Software aufspielen. Als typischen Standort eines Angreifers ohne jeden Zugang nennt der Bericht den Parkplatz, die Nachbarhalle oder die Laderampe. Kaspersky verkauft solche Prüfungen, die Empfehlungen sind trotzdem unspektakulär: neue Geräte vor dem Anschluss prüfen, nicht benötigtes Bluetooth abschalten, das Netz segmentieren. Nach dem Kühlanlagen-Hack aus W42 ist das die zweite Woche, in der das Einfallstor kein Server ist, sondern ein Gerät, das niemand als IT führt. Die Frage für Montag: Wer im Lager hat eine Liste der Funkgeräte, und wer spielt dort Updates ein?
Quelle ↗ - 02 / 1222 Oktober: bis dahin alle Online-Bestellungen storniert
Das Schild zeigte die Vorwoche
Am Sonntag, dem 11. Oktober, nahm Albert Heijn nach einem Sicherheitsvorfall vorsorglich mehrere Systeme vom Netz, der Mutterkonzern Ahold Delhaize datiert die Entdeckung auf den 12.; neben Website, App und Kundendienst auch die Logistiksysteme; Etos und Gall & Gall waren ebenso betroffen. Die Märkte blieben offen, die Kassen liefen. Die elektronischen Preisschilder zeigten aber noch die Aktionspreise der Vorwoche, an der Kasse konnte also mehr fällig werden, als am Regal stand. Bonus-Box, Koopzegels und Air Miles fielen aus, die Kundschaft sollte die Kassenbons aufheben. Alle Online-Bestellungen bis einschließlich 22. Oktober wurden storniert, die Zustellung sollte ab Freitag, dem 23. Oktober, wieder anlaufen. Ahold Delhaize bestätigt inzwischen böswillige Handlungen Dritter und sieht keinen Hinweis auf gestohlene sensible Daten. Der Fall zeigt, was eine laufende Kasse allein nicht hält: das Preisversprechen, die Kundenbindung, die Belieferung. Ein Notfallplan, der an der Kasse endet, ist zu kurz.
Quelle ↗ - 03 / 1211 % haben eigene Abläufe für KI-bezogene Sicherheitsvorfälle
Elf Prozent haben einen Plan
Forsa hat für BSI und TÜV-Verband zwischen 22. Juni und 31. Juli 505 Unternehmen befragt. Nur 11 Prozent haben eigene Abläufe für Sicherheitsvorfälle mit KI-Bezug, 43 Prozent verlassen sich auf die allgemeinen IT-Prozesse, 25 Prozent haben gar keine Regelung. Eingesetzt wird KI schon in 49 Prozent der Betriebe. 17 Prozent verzeichneten oder vermuteten in den vergangenen zwölf Monaten einen KI-gestützten Angriff oder Betrugsversuch. Neben den beiden Karten davor ergibt das ein Muster: Die Werkzeuge kommen schneller in den Betrieb als die Regel dafür, was passiert, wenn sie versagen.
Quelle ↗
Faden 02 Die Kasse bleibt, die Rechnung ändert sich 5 Signale
- 04 / 1219 Millionen Produkte, auf die Ottos ChatGPT-Plugin zugreift
Die Beratung zieht aus, die Kasse bleibt
Zwei Wochen nach der W41-Karte über dms zwei Türen geht die fremde Tür ein Stück weiter auf: dm hat seinen öffentlichen MCP-Server mit ChatGPT verbunden. Über ein Plugin lassen sich Produkte suchen und vergleichen, laut dm auch nach Inhaltsstoffen oder Nährwerten, und der Bestand im einzelnen Markt abfragen; gekauft wird weiterhin bei dm. Otto ist in derselben Woche denselben Weg gegangen, ebenfalls über MCP: Das Plugin greift auf mehr als 19 Millionen Produkte zu, beraten wird in ChatGPT, bestellt bei Otto. Seit September testet Otto als einer der ersten europäischen Partner außerdem Werbeanzeigen in ChatGPT. Beide geben die Beratung aus der Hand und behalten die Kasse. Für Hersteller verschiebt sich damit der Ort, an dem über ein Produkt entschieden wird, in ein Fenster, das weder sie noch der Händler gestalten. Ob man dort vorkommt, entscheidet der Artikelstamm, und künftig womöglich auch ein Werbebudget.
Quelle ↗ - 05 / 12170 Hofer-Filialen mit SB-Kassen bis Ende 2027
Aus zweihundert wurden hundertsiebzig
Hofer rüstet bis Ende 2027 mehr als 170 seiner 540 österreichischen Filialen mit Selbstbedienungskassen aus, teilte der Diskonter am 20. Oktober mit; die besetzten Kassen bleiben. Im Mai 2024 hatte Hofer noch bis zu 200 Filialen angekündigt, die ersten 50 schon für 2025, und als Grund den Personalmangel genannt. Der Plan ist kleiner und später geworden, die Begründung lautet jetzt „modernes und flexibles Einkaufen“. Neben dm und Otto ist es dieselbe Bewegung im Laden: Die Kundschaft übernimmt einen Schritt, bezahlt wird beim Händler.
Quelle ↗ - 06 / 123 % durchschnittliche Erhöhung der Abgabepreise, um die gestritten wurde
Drei Prozent und eine Dosenlinie
Der Preisstreit aus der W41-Karte „Zehn Cent, die Aldi nicht nimmt“ ist beendet. Als letzter großer Händler hat sich Edeka mit Coca-Cola geeinigt, nach Rewe, Aldi und Kaufland; gestritten wurde laut Lebensmittel Zeitung über eine Erhöhung der Abgabepreise um durchschnittlich 3 Prozent, bei Edeka mit einem Lieferstopp für 1-Liter-Kisten. Nach Nielsen-Daten nennt Coca-Cola mehr als 150 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz für den Handel von Januar bis Juli, eine Herstellerangabe. Bei Dosen meldet das Unternehmen fast 20 Prozent mehr Absatz und nimmt in Halle für 45 Millionen Euro eine vierte Dosenlinie in Betrieb. Gestritten wurde um den Preis, gewachsen wird in der kleineren Packung.
Quelle ↗ - 07 / 1234,8 % weniger kostete Butter ab Werk als vor einem Jahr
Butter minus ein Drittel
Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen im September 6,7 Prozent über dem Vorjahr, der stärkste Anstieg seit März 2023. Getrieben wird das von Energie, die 14,9 Prozent mehr kostete; Mineralölerzeugnisse wurden wegen der Kriegshandlungen im Iran und im Nahen Osten um 51,3 Prozent teurer. Auf derselben Stufe wurden Verbrauchsgüter 1,8 Prozent billiger, Nahrungsmittel insgesamt 4,1 Prozent. Butter kostete 34,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, Schweinefleisch 13,9 Prozent, Rindfleisch 9,9 Prozent; teurer wurden pflanzliche Öle mit 14,5 Prozent und Zucker mit 4,1 Prozent, Futtermittel für Nutztiere mit 8,8 Prozent. Das ist die Schere aus W42, eine Stufe früher gemessen. Für Verarbeiter tierischer Ware fallen die Verkaufspreise, während Energie steigt. Wer seine Konditionen für 2027 auf der Kalkulation des Vorjahres verhandelt, verhandelt über eine Welt, die es nicht mehr gibt.
Quelle ↗ - 08 / 12550 Euro je Tonne Kunststoff in Verpackungen, ab Juli 2027
Die Steuer ist auf Weitergabe angelegt
Das Bundesfinanzministerium plant ab Juli 2027 eine Steuer von 550 Euro je Tonne Kunststoff in Verpackungen. Erfasst wären Folien, Transport- und Verpackungsmittel, Deckel und Kapseln sowie Verbundverpackungen mit mehr als fünf Prozent Kunststoff; Rezyklat soll auf Antrag entlastet werden. Steuerschuldner sind Hersteller und Importeure von Verpackungen, Händler und Lebensmittelhersteller können darunter fallen, die Abgrenzung fehlt noch. Laut Lebensmittel Praxis sagt das Begleitpapier offen, die Steuer sei darauf angelegt, „dass die Steuerschuldner die Belastung auf den Endkunden abwälzen“. Ab 2028 soll sie knapp 1,5 Milliarden Euro im Jahr bringen; 33 Verbände, darunter HDE und BVE, protestieren auch gegen das Verfahren als Änderungsantrag zum Haushaltsbegleitgesetz. Daneben steht die Zuckersteuer, auf die sich die Bundesregierung Mitte Oktober für Mitte 2027 geeinigt hat. Und bei der EU-Verpackungsverordnung will das Parlament Unternehmen unter 50 Beschäftigten und 10 Millionen Euro Umsatz von der Pflicht befreien, in jedem Abnehmerland einen Bevollmächtigten zu benennen; in Deutschland drohen Bußgelder ohnehin erst ab 12. Februar 2027. Für den Artikelstamm heißt das: Kunststoffgewicht und Rezyklatanteil je Verpackung werden 2027 zu steuerrelevanten Feldern.
Quelle ↗
Faden 03 Das Siegel und die Spur 4 Signale
- 09 / 123 von 84 Lachsprodukten eindeutig bis zu einer Farm rückverfolgbar
Neunzehn Farmen, dann vierundvierzig
Die Lebensmittel Zeitung meldet diese Woche nach einer eigenen Stichprobe, dass Händler beim Tracking von TK-Lachs nachbessern müssen; den Text selbst konnten wir nicht lesen. Wie das aussieht, hat foodwatch Österreich im Mai an 84 Lachsprodukten aus heimischen Supermärkten dokumentiert. Nur 3 von 84 Produkten waren eindeutig bis zu einer einzelnen Fischfarm rückverfolgbar, 26 boten gar keine Möglichkeit, bei den übrigen 55 scheiterte die Rückverfolgung trotz Label, Code oder Online-Tool. Bei einem GGN-Code führte die Abfrage an einem Tag zu 19 möglichen Produzenten, wenige Tage später zu 44, bei gleicher Produktnummer. Das eigene Tool von Billa fand zu einem Code keinen Eintrag, das von Penny funktionierte zum Zeitpunkt der Anfrage nicht. Das ist kein Etikettenproblem, sondern eines der Daten dahinter: Ein Code, der auf eine Zukaufsliste zeigt, belegt nur, dass es eine Liste gibt. Wer Herkunft verspricht, muss sie je Charge führen.
Quelle ↗ - 10 / 12
Bio ist ein Datenfeld
Im Fenster einer Apotheke hängt ein Rückrufschreiben des Pharmagroßhändlers Kwizda vom 16. September. Zurückgerufen wird eine Charge des Produkts „Gewmi Salat Bio“ von Sonnentor, mindestens haltbar bis 2029. Die Begründung im Schreiben: Der Firma sei der Biostatus für diese Produkte aberkannt worden, eine Gesundheitsgefährdung liege nicht vor, das biologisch gekennzeichnete Produkt sei durch die Aberkennung „hinsichtlich der Kennzeichnung nicht verkehrsfähig“. Eine öffentliche Meldung dazu haben wir nicht gefunden, den Grund der Aberkennung kennen wir nicht. Die Mechanik steht in Artikel 42 der EU-Öko-Verordnung: Bei Verstößen, die die Integrität beeinträchtigen, darf für die gesamte betreffende Partie nicht mehr auf die ökologische Produktion Bezug genommen werden. Neben dem Lachs ist das die Gegenprobe: Hier funktioniert die Rückverfolgung bis ins Schaufenster. Die Ware ist einwandfrei und trotzdem unverkäuflich, weil das Siegel ein Teil des Produkts ist.
Quelle ↗ - 11 / 122036 bis dahin bleibt die Gleichwertigkeit für 11 Drittländer anerkannt
Das Logo darf über die Grenze
Parlament und Rat haben sich am 20. Oktober politisch auf eine Überarbeitung der EU-Öko-Verordnung geeinigt. Anlass war das EuGH-Urteil im Fall Herbaria, das unter anderem klarstellte, dass die Regeln für das EU-Bio-Logo für Ware aus Nicht-EU-Ländern genauso gelten. Künftig darf importierte Bioware aus gleichwertig anerkannten Drittländern das Logo tragen, laut Kommission aber nur, wenn sie zusätzliche EU-Anforderungen an Produktion und Kontrolle erfüllt. Die Anerkennung von 11 Drittländern wird bis 31. Dezember 2036 verlängert. Die Weidepflicht für Rinder, Schafe und Ziegen bleibt laut Lebensmittel Praxis und top agrar, Betriebe, die sie nicht erfüllen, sollen mehr Zeit bekommen; der Bayerische Bauernverband spricht von Hunderten solcher Betriebe. Für Importeure ist die Logo-Regel die wichtigere Zeile: Dasselbe Logo verlangt künftig einen Nachweis mehr, und zwar je Lieferant.
Quelle ↗ - 12 / 12100 % recycelt, künftig mit dem Zusatz „ohne Deckel und Etikett“
Ohne Deckel und Etikett
Nach Coca-Cola und Nestlé hat sich auch Danone gegenüber der EU-Kommission und dem Netz der Verbraucherschutzbehörden verpflichtet, die Recycling-Angaben auf Plastikflaschen zu ändern. Aus einer Angabe wie „Flasche aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff“ wird sinngemäß „Diese Flasche ist zu 100 Prozent recycelt. Ohne Deckel und Etikett“, aus „Recycle mich nochmal“ wird „Recycle mich“. Ausgelöst hat das eine Beschwerde des Verbraucherverbands BEUC vom November 2023, federführend waren die Behörden Schwedens und Ungarns, die nationalen Behörden überwachen die Umsetzung. Fast drei Jahre für eine Zeile auf dem Etikett: An diesem Tempo wird sich die EmpCo-Richtlinie messen lassen müssen.
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Drei Fäden, ein Satz
Diese Woche steckt das Risiko in Geräten und Datenfeldern, die niemand als System führt. Ein Handscanner meldet sich am Rechner als Tastatur und lässt sich aus Funkreichweite bedienen, bei Albert Heijn liefen die Kassen, aber die Preisschilder zeigten die Vorwoche, und nur 11 Prozent der Betriebe haben einen Plan für KI-Vorfälle. Was im Betrieb mitläuft, gehört in die Inventur. Der zweite Faden: dm und Otto lassen in ChatGPT beraten und behalten die Kasse, Hofer lässt die Kundschaft scannen, mit kleinerem Plan als 2024. Dahinter verschiebt sich die Rechnung: Butter ab Werk ist um ein Drittel billiger, Energie teurer, und 2027 werden Verpackung und Zucker zur Steuerbasis. Der dritte Faden betrifft das Siegel. Beim Lachs führt der Code zu 19 oder 44 Farmen, bei Sonnentor reicht eine aberkannte Zeile, um eine einwandfreie Charge aus dem Verkehr zu ziehen, und Brüssel lässt das Bio-Logo nur mit einem Nachweis mehr über die Grenze.